Thema: [Non-WoW] Titelloser Anfang einer Geschichte
Diskutiere im Der Dorfkrug Forum über [Non-WoW] Titelloser Anfang einer Geschichte. Servus ihr Lieben. Ich hab' mich mal an einer Geschichte, die außerhalb des WoW-Universums spielt, versucht. Falls jemand Lust hat, sie zu lesen und konstruktiv (!) zu bewerten: Nur zu, ich lass das mal so hier stehen [( Leider müssen manche Kapitel auf zwei oder ...
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Alt 02.04.2008, 12:14   #1
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[Non-WoW] Titelloser Anfang einer Geschichte

Servus ihr Lieben.

Ich hab' mich mal an einer Geschichte, die außerhalb des WoW-Universums spielt, versucht.
Falls jemand Lust hat, sie zu lesen und konstruktiv (!) zu bewerten: Nur zu,
ich lass das mal so hier stehen

[( Leider müssen manche Kapitel auf zwei oder mehr Posts verteilt werden, zwecks Zeichenbegrenzung.. wer das ganze etwas übersichtlicher als *.doc will, schreibe mich bitte an... )]

Edit Nummer Zwei: Leider versaut die Foren-Formatierung Tags wie Kursiv usw. und einiges erscheint zusammenhangslos, weil es nicht textlich formatiert ist... Eine *.doc ist hier vermutlich wirklich die bessere Lösung.. *hmpf*

Eeeeeedit: Puah, der ganze Mist ist nun endlich hier reinkopiert und halbwegs übersichtlich formatiert, hoffentlich lohnt sich das.. LESEN!

Geändert von Asandira (02.04.2008 um 12:19 Uhr)
Asandira ist offline  
Alt 02.04.2008, 12:14  
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AW: [Non-WoW] Titelloser Anfang einer Geschichte

Hast du schon im Lösungsbuch nachgelesen? Eventuell hilft dir das ja weiter...
__________________
Schäppchen für WoWler
 
Alt 02.04.2008, 12:15   #2
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Eins – Di’Lenn - Di'Fisil

Ein katzenartiges Geschöpf streifte durch den Wald. Das Mondlicht, dem es gelang, sich einen Weg durch das Dach aus violetten Blättern zu bahnen, offenbart nicht viele Merkmale, die eindeutig zeigten, welchem Volk die Frau angehörte, die mit einem kunstvoll geschnitzten, mit blauem Metall verzierten Bogen über Äste und Felsensplitter hastete.
Der weibliche Körper war verhüllt von einer ledernen Rüstung, selbst das Gesicht war zum größten Teil verdeckt, ungewöhnlich für eine Angehörige des Volkes der Marr.

Die Marr waren ein Volk, das die Kriegskunst sehr schätzte. Kaum verwunderlich also, dass auch die Frauen zu Waffen griffen und jagen gingen - so wie Daleen Kis’sh. Sie kam zu einem abrupten Halt, als sie ein junges Exemplar eines Waldebers erblickte.
Sie lächelte zufrieden unter ihrer Maske und griff nach hinten in ihren Köcher. Ein Pfeil mit blauer Spitze und silbrigem Schaft kam zum Vorschein, der prompt an den Bogen angelegt wurde. Ein kurzes Zielen, ein Spannen der Sehne und ein schmerzerfülltes Grunzen später hatte sich der Pfeil durch den Körper des Ebers und dahinter in einen Baum gebohrt, sodass das Tier regelrecht an die Pflanze genagelt war.
Daleen machte den Bogen wieder an den Schnallen an ihrer Rüstung fest - ebenfalls aus blauem Metall, das im Mondlicht edel schimmerte - und ging mit federnden Schritten, die keinen Laut verursachten, auf ihre Beute zu. Mit einem kraftvollen Ruck zog sie den Pfeil aus dem zuckenden Körper und steckte ihn in ein kleines Seitenfach ihres Köchers, das für Pfeile vorgesehen war, die gereinigt werden mussten. Sie zog einen kurzen, scharfen Dolch aus der Scheide an ihrem Gürtel und beendete mit einem sauberen Kehlenschnitt das Leiden des Tieres. An einem lose an ihrem Gürtel befestigten Tuch wischte sie die blaue Klinge des Dolches ab um ihn wieder in die Scheide zu stecken.

Der Eber wurde sogleich über ihre Schulter geworfen und sso beladen trat sie den Rückweg an.
Die Jagd war schneller und reibungsloser verlaufen, als Daleen es erwartet hatte. Ihre Familie würde sich sicherlich freuen, sie so schnell erfolgreich wiederzusehen.

Nach einigen Minuten Marsch erreichte sie ihr Heimatdorf Di’Fisil.
Die Siedlung bestand aus wenigen Häusern und entsprechend wenigen Familien, doch auf dem Markt war jeden Tag reger Betrieb. Daleen genoss es, durch die breiten Wege des Dorfes zu schlendern und die Marktstände zu betrachten. Besonders der Fischstand hatte es ihr angetan, auch wenn die Fische sie eher weniger interessierten.

Sie erblickte Senn, der gerade einige Fische wusch und ausnahm, und ließ ein begrüßendes Maunzen hören. Der Marr mit den strahlend grünen Augen und dem tiefgrauen Fell erwiderte es lächelnd und reichte ihr die Hand, die Daleen gerne ergriff.
In Senns Gegenwart fühlte Daleen sich ungewöhnlich wohl. Ob es daran lag, wie sehr sie seine Blicke auf ihrem Körper genoss oder daran, dass er sie als einziger neben ihrer Familie nicht mit „die Maskierte“ ansprach, wusste sie nicht recht - es war ihr auch herzlich egal.
Der Standbesitzer, ein fetter, ungepflegter Marr mit schmutzigem Fell, sah seinen Angestellten tadelnd an, als dieser Daleen begrüßte. Senn ignorierte es.
„Daleen, schon zurück?“
Sie strahlte ihn an. „Ja, ich hatte Glück. Ein schönes Exemplar, nicht?“ Sie deutete auf den Eber, den sie transportierte.
Senn nickte zustimmend.
Die junge Marr seufzte. „Ich muss mich beeilen... meine Eltern werden das Vieh sofort haben wollen, unser Stand ist nicht gerade gut besucht in letzter Zeit, aber Fleisch brauchen wir dennoch genug.“
Senn sah ein wenig enttäuscht drein. „Natürlich.. sehen wir uns später?“
„Selbstverständlich. Ich will dir etwas zeigen.“ Daleen schmunzelte. „Aber dazu später mehr. Mach’s gut.“

Ehe er antworten konnte ging sie schon weiter. Die Blicke, die sie jeden Tag trafen, interessierten sie viel weniger, wenn sie mit ihm gesprochen hatte. Ihre Maske, ihre Aufmachung, ihr Versteckspiel – das alles kümmerte ihn nicht. Nur das Wesen darunter und ihre Gedankengänge taten es.
„Wir werden noch eine Menge Spaß zusammen haben...“, dachte sie sich, ohne sich der unterschwelligen Zweitbedeutung bewusst zu sein, die erwachsene Marr ohne Zweifel herausgehört hätten, hätte sie das laut gesagt.
Senn hingegen begann gerade, solche Worte anders zu verstehen. Er befand sich fast am Ende seiner Reifephase und wenn es stimmte, was ihre Mutter Daleen gesagt hatte, würde er sich bald zu einem Geschlechtsteil auf Beinen entwickeln.
„Ich sollte wirklich aufhören, darüber nachzudenken. Wir sind Freunde.“, sagte sie sich nicht das erste Mal in letzter Zeit. Der Zweifel, der in der Stimme in ihrem Kopf lag, erschreckte sie selbst. Sie seufzte und setzte ihren Weg nach Hause fort.

Kaum angekommen war das erste, was die junge Marr hörte, dass ihre Mutter überrascht ihren Namen rief.
„Ja, genau die bin ich“, erwiderte sie mit einem frechen Grinsen, das dank ihrer Maske verborgen blieb.
Seleena Kis'sh nahm ihrer Tochter ihre Beute ab und trug das Tier in die Küche, anschließend reichte sie Daleen einen Schlauch mit kühlem Wasser.

Daleen zog die Maske ein Stück nach unten und trank den Schlauch mit gierigen Schlucken aus, seufzte wohlig auf, als das Wasser durch ihre Kehle hinablief und ihren Durst stillte.
„Danke...“, keuchte sie lächelnd und zog sich sofort wieder die Maske über den Mund.
Seleena sah sie tadelnd an. „Kind, du bist so hübsch, lass doch diese Maske weg. Zeig dich doch.“
Daleen seufzte. „Ich bin nicht hübsch, hör endlich auf mir diese Maske ausreden zu wollen. Ist es nicht genug, dass alle Welt mit in die Augen blicken kann?“
„So findest du nie einen Mann.“
Da war es: Das verhasste Thema, in dessen Richtung ihre Mutter sämtliche Gespräche zu lenken versuchte. Die junge Marr regte sich gar nicht mehr darüber auf, verdrehte nur die Augen und stapfte mit hängenden Schultern in ihre Kammer.
„Zieh dich um, du kannst mich auf den Markt begleiten, dann muss ich nicht alles alleine tragen.“

Daleen nickte zum Zeichen, dass sie verstanden hatte, und schloss die Tür hinter sich. Ihre Mutter hatte ihr eine knapp geschnittene Robe zurechtgelegt, die sie nun nur nahm und in den Schrank warf. Das Jagen hatte zu viel Anstrengung gekostet, als dass sie wirklich wütend sein könnte, allerdings verursachten die anhaltenden Versuche ihrer Mutter zunehmend Übelkeit in ihrem Bauch.
Sie griff in den Schrank und fischte ein schlichtes Kleid mit langen Ärmeln heraus, das ihr weit bis unter die Knie ging und nicht mehr offenbarte, als sie für richtig hielt.
Als erstes zog sie sich die Handschuhe aus, dann ihr Hemd, das sie zum Jagen trug. Darunter kam ihr Fell zum Vorschein, das sie so hasste, und als sie nun auch noch die Jagdhose und die Stiefel auszog und nackt vor dem Spiegel ihres Zimmers stand, überkam sie – wie jedes Mal wenn sie ihren Körper sehen musste – ein Gefühl von Traurigkeit, das Gefühl ungerecht behandelt zu sein. Sie kämpfte dieses Mal erfolgreich gegen die Tränen und betrachtete sich eine Weile.
An ihrer Figur gab es keineswegs etwas auszusetzen: Eine schmale Taille, kleine feste Brüste und ein weibliches Becken machten sie zu einer gutaussehenden Frau – wäre da nur nicht dieses stumpfe, weiße Fell.
Ihre feinen Gesichtszüge, die rosa Nase auf ihrer Schnauze und die langen, spitzen Fangzähne hätten sie wie ein normales Mädchen der Marr aussehen lassen, das sich auf der Schwelle zur Frau befand, doch selbst ihr Gesicht war entstellt durch rote Augen.
Daleen war der erste Albino, den das Volk der Marr je hervorgebracht hatte. Eine Außenseiterin, hässlich, einfach anders.
In einem Anflug von schmerzendem Humor hatten ihre Eltern ihr nach ihrer Geburt den Namen Daleen Shida Kis'sh gegeben – ihr Mittelname bedeutete „Die Bleiche“. Und so pflegten sie die Leute des Dorfes auch anzusprechen – neben „die Schüchterne“, „die Weiße“ und „das hässliche Mädchen mit der Maske“. Zumindest nannten diejenigen so, die sie länger kannten, denn seit geraumer Zeit zeigte sie von ihrem Körper nie mehr als die Augen und ein wenig von dem Fell um sie herum.
Sie bewunderte all die anderen Frauen für ihr schwarzes, braunes oder getigertes Fell, ganz besonders aber diejenigen, die mit gold-glänzendem Fell gesegnet waren.
Während sie über all das nachdachte wollten immer wieder Tränen ihre roten Augen verlassen, doch sie erlaubte es ihnen nicht.
Schnell schlüpfte Daleen in das Kleid, zog sich wieder die Maske über. Sie betrachtete sich erneut, diesmal zufriedener.
„So und nicht anders. So will ich sein. Und davon hält mich niemand ab.“ Dieser Gedanke schoss ihr immer wieder durch den Kopf, wenn sie sich anzog.

Als sie das Zimmer verließ, hörte sie deutlich das vorwurfsvolle Seufzen ihrer Mutter, ignorierte es aber bestmöglich.
„Ach, Kind.“ Die alte Dame schüttelte den Kopf. „Ich werde nie begreifen, was das soll. Gehen wir.“
Mutter und Tochter redeten kein Wort miteinander, während sie zum Markt liefen. Seleena musterte sie immer wieder, Daleen spürte ihre Blicke regelrecht auf sich, sagte aber nichts.
Endlich erreichten sie den Stand der Familie, den ihr Vater Rik gerade besetzte. Kein einziger Kunde in Sicht, keine der Waren schien begutachtet, gewogen oder angefasst worden zu sein, was sich auch im traurigen Gesicht des Vater widerspiegelte.
Die Familie hatte sich auf das Verkaufen von frischem Fleisch spezialisiert. Der Stand war einige Jahre wirklich erfolgreich gewesen – ein Glück, denn sonst hätten ihre Eltern Daleen wohl in dieser schwierigen Zeit nicht einmal versorgen können, nun da das Geschäft so schlecht lief.
Das einzig positive an der Verkaufsstelle, fand Daleen, war ihre Lage: Genau gegenüber vom Fischstand, an dem Senn arbeitete. Immer wieder sah sie verstohlen zu ihm hinüber, tauschte Blicke mit ihm aus und freute sich im Geheimen auf die Abende, die sie miteinander verbrachten.
Meist gingen sie nur spazieren und redeten über belanglose Dinge – über ihren Körper und ihre Unzufriedenheit redete sie mit niemandem, nicht einmal mit ihm, ihrem einzigen Freund. Senn betonte seit einiger Zeit, er wolle bald einmal mit ihr Schwimmen gehen – eine furchtbare Vorstellung für sie, wo doch in Schwimmkleidung beinahe nichts ihr Fell bedeckte. Bisher war es ihr immer wieder gelungen, ihn zu vertrösten, abzuwimmeln oder eine Ausrede zu finden, aber sie wusste, dass sie das nicht mehr lange aushalten würde. Sie musste mit ihm reden. Am besten heute Abend.

„Daleen, geh doch hinüber zum Fischstand, ich möchte zum Abendessen eines der Tiere braten, wir hatten lange keinen Fisch mehr.“
Ihr Vater drückte ihr einen kleinen Beutel mit Silberstücken in die Hand und lächelte sie an.
Daleen nickte nur und schlenderte hinüber. Ihre Laune besserte sich erheblich, als sie Senn erblickte. Er bediente gerade zwei junge Frauen und redete heiter mit ihnen. Ein dumpfes Gefühl, das sie nicht recht deuten konnte, machte sich in ihrem Magen breit, als sie ihn eines der Mädchen anlächeln sah. Sehnsüchtig betrachtete sie die beiden Kundinnen und wünschte sich einmal mehr, so zu sein wie sie.
Sie kam näher, schnappte noch einige Gesprächsfetzen auf. Senn schien gerade auf eine Frage der Mädchen zu antworten, die eher nichts mit Fischen zu tun hatte.
„...werde ein andermal gerne mitkommen, aber heute Abend bin ich verabredet, entschuldigt.“
Daleen hob eine Braue. Hatte er gerade ein Treffen mit den beiden wegen ihr abgelehnt? Nein, auf keinen Fall... sicherlich hatte er vergessen, dass sie ihn treffen wollte und redete von jemand anderem.
Eines der Mädchen ergriff das Wort, sprach mit zuckersüßer Stimme. „So? Mit wem denn? Deinen Freunden? Du kannst sie gerne mitbringen, wenn du magst.“ Beide Frauen tauschten einen vielsagenden Blick aus.
Senn lächelte höflich. „Nein, ich bin mit einer Freundin verabredet. Und nur mit ihr. Daran ändert sich auch nichts.“

Die beiden Kundinnen fühlten sich offensichtlich zurückgestoßen und redeten weiter auf ihn ein, dieses Mal nachdrücklicher und ein wenig abwertend.
„Welche Frau könnte dich schon davon abhalten, dich mit uns zu treffen?“
Senn schnaubte entnervt, fing aber prompt wieder an zu lächeln, als er Daleen sah. Er zwinkerte ihr zu und winkte sie zu sich.
„Diese Frau.“, sagte er nur knapp, worauf die Kundinnen in schallendes Gelächter ausbrachen.
Die Bleiche drehte beschämt den Kopf weg.
Nachdem sich das Gelächter der Beide gelegt hatte, sahen sie Daleen abwertend an und wendeten sich zum Gehen, nicht ohne einen abfälligen Kommentar loszulassen.
„Wenn du irgendwo unter diesen Kleiderschichten eine Frau entdeckst, dann zeig ihr, was man mit Männern tut, ein anderer wird es ja wohl kaum tun.“
Kaum war dieser Satz gefallen und hatte sich wie ein glühender Dolch in ihr Herz gebohrt, waren sie auch schon verschwunden und hinterließen einen genervten Senn und Daleen, die abermals gegen den Drang zu weinen kämpfte. Diesmal verlor sie.
Sie rannte mit gesenktem Kopf weg, mit der Absicht, sich in die nächstbeste dunkle Ecke zu setzen. Die Tränen verschleierten ihren Blick, sie stolperte mehrere Male, rempelte andere Marr an, die sich über den Marktplatz drängelten.
Erst als ihr Name immer und immer wieder gerufen wurde, erkannte sie, dass Senn ihr hinterher lief. Sie fand eine Schmale Seitengasse und setzte sich zwischen Mülltonnen, vom Laufen erschöpft und herzzerreißend weinend.
Asandira ist offline  
Alt 02.04.2008, 12:16   #3
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Senn kniete sich vorsichtig vor sie, schaute sie besorgt an.
„Daleen... es tut mir leid, hör nicht auf sie.“, redete er mit sanfter, beruhigender Stimme auf sie ein, während sie mit verschränkten Armen dasaß und heulte.
Er ließ sich seufzend neben sie nieder und legte ihr eine Hand auf die Schulter, sie hob den Kopf und sah ihn erstaunt an.
„Was...“, sie schluchzte, „willst du hier? Du hast Arbeit.. Geh, sonst wirft der Alte dich raus.“
Er schüttelte nur den Kopf und streichelte sanft ihre Schulter.
„Dann soll er mich eben rauswerfen, das hier ist um einiges wichtiger. Ich sehe dich nicht so wie sie, weißt du? Und es tut mir weh, sie so reden zu hören. Aber beachte sie gar nicht, sie sind doch nur zwei dumme Frauen, die dich nicht einmal kennen.“
Mit jedem Wort wurde die Angesprochene erstaunter, betrachtete ihn schließlich mit offenem Mund.
Er beugte sich zu ihr und wischte ihr die Tränen unter den Augen weg, berührte dabei versehentlich ihre Maske und schob sie ein Stück nach unten.
Daleen keuchte entsetzt und schlug beide Hände vors Gesicht, richtete die Maske hastig wieder und senkte den Blick.
„Senn, du musst mich nicht treffen, wenn du nicht magst. Geh ruhig, ich versteh' das.“
Er schüttelte den Kopf und legte den Zeigefinger an ihr Kinn, sodass er sanft ihren Kopf nach oben drücken und ihr in die Augen blicken konnte. Leise, kaum hörbar, flüsterte er: „Daleen... um nichts auf der Welt würde ich einen Abend mit dir verpassen wollen. Ich muss dich doch schließlich dazu bringen, mit mir schwimmen zu gehen.“ Bei diesen Worten lachte er heiter.
Daleen hingegen schüttelte nur den Kopf, hauchte ihm leise entgegen: „Das wird wohl nichts.“
Senn sah sie nur fragend an.
„Ach Senn... zum Schwimmen müsste ich das alles hier ablegen. Ich will nicht, dass du mich so siehst. Ich will nicht, dass du mich alleine lässt.“
Senn zögerte einen Moment, nahm dann allen Mut zusammen und umarmte sie. Alles hätte sie erwartet, nur dass nicht. Sie riss die Augen weit auf und ließ die Arme steif hängen, was ihn allerdings nicht davon abhielt, sie liebevoll an sich zu drücken um sie zu trösten.
„Glaubst du wirklich, ich würde dich alleine lassen, wenn ich ein wenig mehr von dir sehe? Vertraust du mir so wenig?“
Sie schüttelte hastig den Kopf. „Nein, das ist es nicht. Ich vertraue dir. Wenn überhaupt jemandem, dann nur dir.“
Die junge Marr legte nun die Arme um ihn und streichelte sachte seinen Rücken.
„Trotzdem.. ich will mich nicht zeigen. Wirklich nicht.“
Senn löste die Umarmung widerstrebend, sah ihr dann tief in die Augen. Er sagte nichts, streckte nur eine Hand nach ihrer Maske aus.
„Senn, nein! Bitte.. tu das nicht.“
„Halt mich davon ab, wenn du es nicht willst.“
„Lass es sein!“
„Du musst schon meine Hand wegschlagen und mir eine Ohrfeige verpassen, wenn ich das nicht tun soll.“
Daleen gab auf, schloss nur die Augen. Sie erwartete förmlich, dass er wegrennen würde, wenn er sie sah, dass er sie beleidigen würde, ihr die Maske ins Gesicht werfen und ihr sagen, wie hässlich sie war.
Sie spürte, wie die Maske weggenommen wurde, der Wind ihr ins Gesicht blies. Sie hielt den Atem an, auf alles gefasst, bis endlich seine weiche Stimme erklang.
„Du bist wirklich etwas Besonderes, Daleen. Warum versteckst du das? Dazu gibt es keinen Grund.“
Daleen atmete schwer aus, öffnete die Augen und musterte ihn. Seine Augen, die Bewegungen der länglichen Pupillen, sein Lächeln, seine Körperhaltung. So sehr sie auch suchte, sie fand nichts in seinen Zügen außer Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Freundlichkeit.
Er musste unwillkürlich lachen, als er ihr verdutztes Gesicht sah, ein herzliches, ansteckendes Lachen von solcher Fröhlichkeit, dass Daleen regelrecht gezwungen wurde, wenigstens zu lächeln.

„Sag mir, Daleen... darf ich dieses Gesicht wiedersehen? Oder willst du es weiterhin verstecken?“
Sie zuckte nur die Schultern, die Stimmen der Mädchen hallten in ihrem Kopf wieder, die Auswirkungen all der Verspottungen kämpften gegen die seines Kompliments, das als Einzelnes stark genug wahr, es mit Tausenden von bösen Worten aufzunehmen.
Er seufzte.
„Nun, für den Fall, dass es das letzte Mal ist...“
Er beugte sich vor und küsste sie kurz zärtlich auf die Wange. Sie riss abermals die Augen auf und hielt die Luft an, bis er sich von ihr löste und sie ernst ansah.
„Wenn du dich verstecken willst... nur zu. Ich habe dich gesehen und ich werde diesen Anblick nicht vergessen. Er wird mir in meinen Träumen begegnen und ich werde ihn jedes mal vor Augen haben, wenn ich dich sehe – ob mit oder ohne Maske. Ich werde dich immer so sehen wie jetzt in diesem Moment, egal wie viele Masken du dir über das Gesicht ziehst.“
Mit diesen Worten erhob er sich und ging zurück an die Arbeit, zurück blieb eine mehr als nur verdutzte und geschmeichelte junge Marr, deren Herz für einen Moment ausgesetzt hatte und jetzt in vollster Bewunderung für Senn schlug.
Nach einer Weile richtete sie sich auf, um den Fisch kaufen zu gehen. Die Maske blieb liegen, wo sie war und all die erstaunten Blicke und das Gelächter bedeuteten ihr nichts in dem Moment, als sie Senn das Geld reichte und nicht nur den Fisch, sondern auch ein zufriedenes, freundliches Lächeln von ihm erhielt.
Asandira ist offline  
Alt 02.04.2008, 12:17   #4
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Zwei – Torin – Hafen von Salen

KLIRR.
„Upps... war ich das?“
Die Gastwirtin, erschrocken vom Lärm, der erklungen war, als der Reisende mit seiner Tasche eine Vase vom Tisch gefegt hatte, zuckte zusammen und seufzte geduldig.
„Ich mach das schon.“
Sie holte hastig ein Kehrblech und sammelte die Splitter ein – dem Himmel sei Dank war die Vase leer gewesen, der Teppich war alles andere als billig – und verzog sich diskret die Treppe hinunter, um wieder am Empfang zu arbeiten.

Der Neuankömmling hingegen räumte seine wenigen Habseligkeiten aus der arg in Mitleidenschaft gezogenen Tasche, die wohl schon mehrere schmuddelige Gasthauszimmer gesehen hatte, und warf die Kleidung in den kleinen Holzschrank, der neben dem Fenster stand.
Er blickte durch die dicke Glasscheibe hinunter zum Platz, der vor dem Gasthaus lag. Spielende Kinder, glückliche Paare, die durch die Straßen schlenderten, ein plätschernder Brunnen – ganz und gar nichts besonderes. Außer vielleicht der Frau, die auf einer der kunstvoll geschnitzten Bänke am Brunnen saß.
Der hochgewachsene Mann hob eine Braue und musterte die Dame eingehend. Ein zierliches Wesen von kleiner Statur mit weißlich-blondem Haar, das offen über ihre Schulter fiel und ein blasses aber schönes Gesicht einrahmte. Am auffälligsten waren wohl die strahlend grünen Augen, dicht gefolgt von äußerst feingliedrigen Fingern ohne jegliche Art von Ringen, die auf dem dritten Merkmal ruhten, das sofort ins Auge stach: Der große Bauch einer Hochschwangeren.
Ihrer Schönheit und ihrem Zustand nach zu urteilen sollte diese Frau wohl überglücklich sein – die vorgeschobene Unterlippe und die Tränen in ihren Augen ließen aber eher auf das Gegenteil schließen.
Das hübsche Geschöpf streichelte beruhigend über den Bauch und murmelte vor sich hin, der traurige Gesichtsausdruck wich nur selten einem gequälten Lächeln.

Nach einiger Zeit verlor er das Interesse an dem Schauspiel, das sich ihm bot. Stattdessen wandte er sich dem Spiegel zu, welcher an der gegenüberliegenden Zimmerwand stand. Er zog sich das schmutzige – ehemals wohl weiße – Hemd über den Kopf und betrachtete sich nachdenklich.
Deutlich sichtbare Muskeln zierten seine Brust und seinen Bauch, kein Haar versperrte die Sicht auf seine Haut, wie es – abgesehen von seinem Kopf und seinem Kinn, das von einem Spitzbart dominiert wurde, der ihm ein freches Aussehen verlieh – an seinem ganzen Körper der Fall war.
Er tastete nach dem einigermaßen sauberen Hemd, das er beim Ausräumen der Tasche aufs Bett gelegt hatte, betrachtete noch ein letztes Mal seinen Körper, der ihm zugegebenermaßen sehr gefiel, und zog sich das Kleidungsstück über.
Er überprüfte sein freches Lächeln, das er stets aufsetzte wenn er sich unter die Leute begab, und strich das Hemd auf seiner Brust glatt, dann griff er sich den Zimmerschlüssel und ging zur Tür hinaus.

Auf dem Vorplatz angekommen sah er zuerst in den Himmel. Das letzte Licht des Tages verabschiedete sich gerade von allen neugierigen Menschen, die es erblickten, und machte einer klaren Nacht Platz, in der jeder Stern gut sichtbar und die Sternbilder deutlich erkennbar waren.
In dieses sterbende Licht waren die silbernen Laternen getaucht, die nun von herumgehenden Stadtarbeitern entzündet wurden. Sie umgaben den Platz wie ein Kreis von Wachen, die um einen Thron herumstanden, nur dass in der Mitte dieses Platzes kein solches Sitzmöbel gelegen war sondern ein Steinbrunnen von langweiliger Schlichtheit.
Keine Figur, keine Skulptur, kein Symbol war zu sehen, lediglich eine glatte, unstrukturierte Kugel, aus der kontinuierlich Wasser floß, das sich im flachen Becken verteilte und schließlich durch große runde Abflüsse ins ungewisse Dunkle sickerte.
Der Neuankömmling ging zum Brunnen und lehnte sich leicht über den Rand, um sein kurzes, bläulich-schwarzes Haar zu richten. Als er zufrieden war sah er auf und musterte erneut die Personen auf dem Platz. Niemand schien sich für ihn zu interessieren, keiner bemerkte das fremde Gesicht, für sie war er nur einer der vielen Reisenden, die jeden Tag kamen und gingen, und deren einziger Vorteil es war, dass sie ihr Silber in der Stadt ließen um die Kasse des Königs zu entlasten, denn selbstverständlich hatten die Besitzer aller Läden ihre Abgaben an den Herrscher zu entrichten.

Sein Blick fiel wieder auf die Frau, die noch immer am Brunnen saß und mit den Tränen kämpfte. Erst jetzt fiel ihm der filigrane Ring auf, der an einer einfachen Kette um ihren Hals hing und sich auf die zarte Haut ihres Ausschnitts legte.
Wobei der Begriff „Ausschnitt“ wohl ein wenig zu viel des Guten war. Die Umstandskleidung der Dame offenbarte nicht viel, aber was er sah, gefiel ihm eindeutig.
Die Schwangere sprach unentwegt leise murmelnd auf das Kind in ihrem Bauch ein, streichelte immer wieder sanft über jenen.
Lange überlegte der Reisende, ob er sie stören sollte, ein Gespräch beginnen. So sehr er auch dagegen ankämpfte, diese junge Frau übte eine unwahrscheinliche Anziehungskraft auf ihn aus, der er sich nicht widersetzen konnte und so fasste er sich ein Herz und begab sich zu der Bank, auf der sie saß.

„Entschuldigt bitte, stört es Euch, wenn ich mich zu Euch setze?“
Er erschrak angesichts seiner zittrigen Stimme. Er war niemand, der jemals Probleme gehabt hätte, Frauen anzusprechen, er hatte so viele Frauen gehabt, dass man schon von einer **** reden könnte, würde er Geld für seine Leistungen annehmen, doch noch niemals hatte er eine solch nervöse Stimme gehabt, wenn er mit einer von ihnen geredet hatte.
Sie sah aus ihren Gedanken gerissen hoch und lächelte ihn leicht an.
„Nein, keineswegs. Setzt Euch ruhig.“
Er nickte, noch immer etwas überrumpelt von seiner jungenhaften Nervosität, und setzte sich ein gutes Stück neben sie.
„Was“, setzte er mit krächzender Stimme an, räusperte sich dann und klang nun sicherer, „Was tut eine Frau wie Ihr so ganz alleine hier am Brunnen?“
Ein schmerzliches Zucken huschte über ihr Gesicht, bevor sie ihm antwortete. „Ich habe niemanden, der bei mir sein könnte. Warum fragt Ihr?“
Der schwarzhaarige sah sie einen Augenblick nur überrascht an, vergaß dann völlig ihre Frage und beschloss, nachzuforschen, was es damit auf sich hatte.
„Wo ist denn der Vater?“
Die junge Schönheit seufzte und ließ entmutigt die Hände sinken. Leise, fast flüsternd sprach sie weiter, in ihrer Stimme lag eine tiefe Verletztheit.
„Er hat mich verlassen. Wer seid Ihr überhaupt? Wieso stellt Ihr mir diese Fragen?“
Er schmunzelte.
„Verzeiht, ich hätte mich vorstellen sollen. Mein Name ist Darren.“
Freundlich lächelnd hielt er ihr die Hand hin. Sie erwiderte sein Lächeln für einen Moment und ergriff sie sanft mit ihren seidigen Händen, die sanfte Schauer durch seinen Arm zittern ließen.
„Laira Sadur. Freut mich, Euch kennenzulernen.“
Ohne nachzudenken erwiderte er: „Laira... klingt nach einem Namen, der sich gut schreien lässt, wenn man in Ekstase ist.“
Im nächsten Moment wünschte er sich, er könne einfach von der Bildfläche verschwinden. Ihm gegenüber saß eine Frau, die von ihrem Mann geschwängert und verlassen wurde, und alles, was ihm einfiel, war einer seiner dämlichen Sprüche, mit denen sich gutgläubige Mädchen gewinnen ließen.
Er zog seine Hand zurück, als hätte er sich an ihr verbrannt, und drehte beschämt seinen Kopf weg.
Zu seinem höchsten Erstaunen lachte sie nur amüsiert.
„Na, Ihr seid mir ja einer. Wieviele Frauen fallen auf diesen Unsinn herein?“
Am liebsten wollte Darren losheulen angesichts seiner Dummheit, doch das Lachen der Blonden war dermaßen ansteckend, dass er sich nicht verkneifen konnte, es zu erwidern.
„Um ehrlich zu sein, nicht viele. Aber ich lege auch keinen Wert darauf.“
Sein entschuldigendes Lächeln wurde mit einem breiten Grinsen entgegnet, bevor Laira sich wieder ihrem Bauch zuwandte und sachte darüber strich.

Darren war schon immer jemand gewesen, der sich nach leicht zu habenden Frauen umgesehen und seinen Spaß mit ihnen gehabt hatte. Liebe, Familie, Zärtlichkeit, all das hatte in seinem Leben nie eine Rolle gespielt.
Und nun saß er hier und betrachtete sehnsüchtig, wie diese Frau kurz vor einem Ereignis stand, das ihn nie gekümmert hatte und doch so unvergleichlich war: Der Geburt. Einem Akt, der Leben schenkte, Familien schuf und Liebe stärkte.
Sie war allein in dieser Zeit, die eigentlich ihr Mann hätte mit ihr teilen sollen. Und plötzlich, zum ersten Mal in seinem Leben, begann er sich nach etwas zu sehnen, was er nie gehabt hatte.
Er widerstand dem Drang, die Hand nach ihr auszustrecken und suchte angestrengt nach einem Gesprächsthema, das er ansprechen konnte. Diese Unterhaltung sollte nicht vorbei sein, aber so sehr er auch grübelte, ihm wollte nichts einfallen, was er sie fragen konnte, ohne aufdringlich zu wirken.
Nach kurzer betretener Stille nahm sie ihm diese Entscheidung ab. Sie sah ihn offen und freundlich an, mit einem Lächeln auf den Lippen, und redete wieder mit dieser zarten Stimme, der deutlich zu entnehmen war, dass ein kräftiges Organ dahintersteckte, das erfolgreich gezügelt und gedämpft wurde.
„Seid ihr neu in der Stadt? Ich habe euch noch nie hier gesehen.“
Darren nickte hastig.
„Ja, ich ziehe schon seit einiger Zeit ziellos durch das Land, auf der Suche nach Arbeit. Ich werde wohl nicht lange hierbleiben, ich bin kein Mensch, der gerne an einem Ort verweilt. Ich reise gerne.“
Die Schwangere nickte verstehend.
„Nach welcher Art von Arbeit sucht ihr denn?“
Seine Schultern hoben sich zu einer unwissenden Geste.
„Nach allem Möglichen... In letzter Zeit bin ich immer wieder in irgendwelche angespannten Situationen gestolpert. Ich konnte meist helfen und wurde aus Dankbarkeit entlohnt, es ermöglicht mir, alles zu bezahlen, was ich zum Leben brauche, aber das Silber wird wieder knapp und so halte ich wieder Ausschau nach Hilfsbedürftigen.
Ich habe nichts gelernt, keinen besonderen Beruf oder ein Handwerk, wenn ich etwas kann, dann ist es helfen.“
Laira nickte nachdenklich und sah ihn nach kurzem Zögern wieder an.
„Helft...“, sie stockte, „..ihr auch Personen, die...“, sie brach ab, schüttelte den Kopf. „Nein.. nein, unwichtig, vergesst es.“
Er hob eine Braue. Derartige Anfragen endeten meist mit der Bitte, irgendjemanden zu Verprügeln oder zu Töten. Das traute er dieser Frau nicht zu. Dieses zarte Geschöpf konnte doch niemals in der Lage sein, einen Mord in Auftrag zu geben.
Er entschloss sich, nachzuhaken.
„Was meint Ihr? Redet ruhig, ich habe bereits zu viel gehört, als dass Ihr mich erschrecken könntet.“
Laira seufzte langgezogen.
„Ich meinte nur... Löst ihr auch Streitsituationen? Ihr müsst wissen, dieser Bastard“, sie sprach das Wort zischend aus, Darren wirkte überrascht angesichts dieses Ausdrucks, „hat mir einen Brief geschrieben. Einen Brief! Das war alles, was ich von ihm bekommen habe, als er verschwand. Nicht einmal persönlich mit mir geredet hat er.
Ich würde euch dafür bezahlen, wenn ihr ihn mir bringt. Auf ihn wartet die saftigste Ohrfeige seines Lebens.
Ich würde ihn gerne selbst aufsuchen und ihn an seinen Haaren zu mir nach Hause schleifen, um ihm den Kopf ins kalte Wasser zu drücken, aber ich kann ja kaum gehen, jetzt wo ich kurz vor der Entbindung stehe.“

Darren grinste. Diese ganze Situation entwickelte sich zu seiner vollsten Zufriedenheit. Sie war kein wimmerndes Weib, das ihrem Mann nachweinte oder ihm hinterherkroch und bettelte, ihn zurückzubekommen. Nein, sie war eine mutige Frau, die wusste was sie wollte – und einsah, wenn sie es nicht bekam. Er hoffte insgeheim, dieser Frau niemals an einem schlechten Tag zu begegnen, er hatte die Absicht, die Teile die ihn als Mann auswiesen noch eine Weile zu behalten.

„Selbstverständlich. Nennt mir seinen Namen und sagt mir, wo ich ihn finden kann und ich tue mit ihm, was ihr wollt.“
Laira grinste breit und griff nach hinten in ihren Nacken, um die Kette mit dem Ring zu lösen. Sie zögerte kurz, gab ihm das Schmuckstück dann in die Hand. Abermals zuckte er bei der Berührung ihrer Hände leicht zusammen.
„Sein Name ist Firell Schattenfänger. Folgt einfach dem Gestank, Ihr findet ihn, wenn ihr euch die schäbigste Kneipe der Stadt aussucht. Was wollt ihr dafür?“
Darren schüttelte den Kopf.
„Ich nehme kein Silber dafür. Diesmal nicht. Es ist etwas Persönliches.“
Nun war es an Laira, überrascht eine Augenbraue hochzuziehen.
„Etwas Persönliches? Warum?“
Darren lächelte sie freundlich an und schloss seine Faust fest um den Ring.
„Jemand, der eine Frau wie euch versetzt – noch dazu in einem solchen Umstand – hat somit in mir einen Feind gefunden, der weder ruht noch rastet, bevor der Kerl die Konsequenzen daraus zu ziehen hat. Auf bald.“
Mit diesen Worten erhob er sich und bewegte sich entschlossen in Richtung Gasthaus, um sich für den Ernstfall auszurüsten, schließlich kannte er den Mann nicht, dem er gegenübertreten sollte, auch wenn er überzeugt war, dass diese Frau sich wohl keinen Massenmörder angeschafft hatte.
Er hinterließ einen bleibenden Eindruck bei Laira und es sollte bei Weitem nicht ihr letztes Treffen sein.
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Alt 02.04.2008, 12:18   #5
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Drei – Krieg

Ein hagerer blonder Mann eilte hastig über den Hof des Schlosses in der Hafenstadt Salen.
Diese Stadt, in der vor nicht all zu langer Zeit ein Reisender einer Hochschwangeren begegnet war, stellte die Hauptstadt des Volkes der Königlichen dar. In der Mitte von Salen befand sich das prunkvolle Schloss, ein riesiges Steingebäude, das reichlich mit Gold verziert war. Ein Gewirr von Straßen, Plätzen und Häuserblocks erstreckte sich sternförmig um den Königssitz und endete schließlich an steil abfallenden Hängen zum Meer hin.
Die Stadt war eine Art Insel, die ins Meer hineinragte, umgeben von Klippen die den Angriff über das Wasser unmöglich machten. Eine eiserne Zugbrücke war die einzige Verbindung zum Land und wurde genau wie der Zugang zum Hafen, wo die bedrohlichen Klippen gesprengt worden waren, um den Schiffen die Zufahrt zu ermöglichen, schwer bewacht. Sowohl den Hafen als auch den Rest der Stadt konnte man nur mit genauem Nachweis der eigenen Herkunft und Absichen erreichen.

Der Mann schwitzte am ganzen Körper, seine Kleidung war schmutzig und an einigen Stellen zerrissen, offenbar hatte er eine längere beschwerliche Reise zu Fuß hinter sich. Mit zittriger Stimme versuchte er immer wieder, Wachen auf sich aufmerksam zu machen. Ein kleingewachsener, etwas beleibter Wachmann erbarmte sich schließlich und fragte nach seinem Begehr.

Es stellte sich heraus, dass dieser Mann ein Bote des Königs war. Vor einigen Monaten hatte man ihn in die Stadt Chok'Sul im Lande Lo'or gesandt, wo es seine Aufgabe war, dem Herrscher der Garuk ein letztes Friedensangebot zu unterbreiten.
Innerhalb der Hafenstadt brannte schon seit langem der Konflikt zwischen den Königstreuen, die hinter dem Entschluss des Monarchen standen, gegen die Garuk in den Krieg zu ziehen, und den Aufständischen, die verbissen gegen diesen Krieg argumentierten. Es kam schließlich so weit, dass einige Gruppierungen der Aufständischen gewaltsam versuchten, eine Kriegserklärung zu verhindern, was dazu führte, dass von da an jeder, der sich öffentlich gegen den Krieg aussprach, mit übertriebenen Sanktionen zu rechnen hatte. Die Kerker der Stadt quollen fast über von Gelehrten, Kaufmännern und sogar Adligen, die es gewagt hatten, sich als Aufständische zu erkennen zu geben.
Die Angst vor einer Verhaftung war unter den Zweiflern gewaltig: Flugblätter, geschrieben von fleißigen Aufständischen, machten die Runde, in denen geraten wurde, sich keinesfalls anmerken zu lassen, auf welcher Seite man stand. Ein Großteil der Familien hatte eines oder mehrere Mitglieder, die im Kerker regelrecht verrotteten, und jede neue Verhaftung schürte die Verzweiflung im Volk mehr und mehr.
Der König, fest davon überzeugt, dass die Garuk früher oder später selbst den Krieg erklären würden, stand unter Zugzwang. Auch er hatte nahe Angehörige und Diener, denen er stets vertraut hatte, an den Kerker verloren, die Zahl der Zweifler überstieg seine ursprünglichen Vorstellungen bei Weitem.
Er musste handeln uns so ließ er sich schlussendlich zu einem Friedensangebot breitschlagen.

Nun war der Bote, der dieses Angebot überbracht hatte, zurückgekehrt – keine der vier berittenen Wachen waren bei ihm, er selbst kam ohne Pferd.
Der Mann war erschöpft, verwirrt und schwer veständlich, aber nach einigen Versuchen, ihn zu beruhigen, wurde langsam klar, was er zu sagen versuchte: Er und seine Wachen waren in die Sklaverei geschickt worden, die Pferde hatten die Garuk an sich genommen. Der Bote selbst konnte als einziger entkommen. Unnötig zu sagen, dass das Angebot abgelehnt worden war.

Ungewöhnlich gefasst beschloss der König, so bald wie möglich öffentlich zu sprechen. Der Krieg hatte begonnen.


Einige Plätze weiter, in einem der vielen Gasthäuser, kramte Darren in der zweiten Tasche, die er dabei hatte. Sie war voll von nützlichen und weniger nützlichen Werkzeugen, die er während seiner Reisen an sich genommen oder als Lohn erhalten hatte.
Nach einiger Zeit fand er, was er suchte: Ein kleiner, spitzer Dolch, gefertigt aus Blaumetall, wie es nur die Marr herstellen konnten. Er hatte ihn als Dank bekommen, als er Geburtshilfe bei einer der Frauen in diesem kleinen Marr-Dorf geleistet hatte. Das kleine Mädchen hatte sich in der Nabelschnur verfangen und drohte zu ersticken, es hätte Stunden gedauert, aus Di'Sedd, der Hauptstadt der Marr, eine Hebamme anzufordern.
Er war noch fast ein Kind gewesen, gerade sechzehn Jahre, als er dieses Dorf besucht hatte. Es war die erste Station gewesen, nachdem er von zu Hause weggelaufen war, seitdem waren schon viele Jahre vergangen und Darren war nun schon Mitte Dreißig.
Es war dieser Dolch gewesen, mit dem er die Verbindung zwischen Mutter und Kind durchtrennt und das kleine Mädchen gerettet hatte. Erschöpft, verschwitzt und blutverschmiert war er kurz darauf bewusstlos geworden, als er aufwachte hatte man ihn gewaschen, neu bekleidet und in ein weiches Bett gelegt.
Die Mutter war ihm unendlich dankbar gewesen, bis zu seiner Abreise einige Tage später hatte er kaum Ruhe vor ihrem Geplapper gehabt, und als er weiterzog, versorgte sie ihn großzügig mit Proviant und eben jenem Dolch.
Den Anblick des Mädchens würde er nie vergessen. Er hatte schon viele Marr gesehen, aber keiner davon war so gewesen wie dieses Neugeborene. Es war ebenso wie er gewaschen und gebettet worden, und als er es das nächste Mal sah, hielten sich die Einwohner des Dorfes fern von ihm, lediglich die Familie bewachte es.
Das war höchst ungewöhnlich für das Volk, das besonders in kleinen Dörfern eigentlich dazu neigte, bei Vermählungen und Geburten das Glück der Familie zu teilen und in diesen Zeiten regelmäßig zugegen zu sein.
Doch von diesem weißen Kind hatte sich das ganze Dorf ferngehalten.
Er konnte sich vorstellen, dass dieses Geschöpf es nicht leicht gehabt hatte und fragte sich, wie es diesem Mädchen, das mittlerweile schon eine Frau von acht- oder neunzehn Jahren sein musste, wohl gerade ging.

Ein Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken.
„Wer ist da?“
„Darren?“
Eine vertraute Stimme. Laira. Darren lächelte, ging zur Tür und öffnete sie, den Dolch hatte er am Gürtel festgemacht.
Laira stand mit besorgtem Blick in der Tür und streichelte noch immer beruhigend ihren Bauch. Ihr Gesichtsausdruck veranlasste ihn zu einigem Argwohn, er runzelte die Stirn und bedeutete ihr, herein zu kommen. Sie schüttelte den Kopf.
„Darren, der König spricht in wenigen Minuten. Es scheint, als sei der Krieg mit den Garuk endgültig ausgebrochen.

Er riss erschrocken die Augen auf. Wie konnte das sein? Hatte der König nicht ein Friedensangebot angekündigt?
Darren war schon seit geraumer Zeit nicht gut auf die Königstreuen zu sprechen, verbarg es mit Müh und Not um nicht den Rest seines Lebens im Kerker verbringen zu müssen. Dieser Krieg würde bedeuten, dass er kämpfen musste.
Als er jung gewesen war, schien ein Krieg in weiter Ferne. Wer sich für den Fall eines Krieges als kampfbereit vormerken ließ, hatte damals eine stolze Summe erhalten, die er dringend benötigte. Er hätte nie geglaubt, jemals kämpfen zu müssen, also hatte er zugestimmt.
Als die Möglichkeit eines Krieges mit den Garuk bekannt geworden war, hatte er bereits ein ungutes Gefühl gehabt. Jetzt hatte er Angst.

„Darren, alles in Ordnung?“
Ihre Stimme drang durch seine Überlegungen, er fuhr auf und sah ihr einen Moment verständnislos ins Gesicht.
Darren besann sich, räusperte sich und antwortete ihr.
„Ja... ja, alles in Ordnung, keine Sorge. Willst... willst du dahin und dir das anhören?“
Laira musterte ihn eine Weile, etwas Besorgnis lag in ihrem Blick. Langsam nickte sie.
„Ja, ich denke, ich sollte das hören, solange meine Verfassung es erlaubt.“, erwiderte sie kichernd und strich liebevoll über den Bauch, der ihr Kind beherbergte.
„Hättest du etwas dagegen, wenn ich dich begleite?“
Sie runzelte die Stirn. Sicher, sie war seine Auftraggeberin, aber weshalb wollte dieser Mann, der zwar zugegebenermaßen gutaussehend aber mindestens zehn Jahre älter war, mit ihr auf eine solche Veranstaltung gehen? Und wann hatte er überhaupt angefangen, sie zu duzen?
Er schien die Zweifel in ihr zu bemerken und lächelte matt.
„Verzeih, ich dachte nur, falls etwas mit dem Kind ist, willst du sicher, dass jemand bei dir ist und aufpasst. Es war ein dummer Gedanke, entschuldige bitte.“
Sie schmunzelte, etwas beruhigt nach seiner Erklärung, und befand seine Aussage für glaubwürdig.
„Er würde nicht versuchen, mich in diesem Zustand für irgendwelche Zwecke gewinnen zu wollen...“, dachte sie sich und schüttelte energisch den Kopf.
„Nein, das war überhaupt nicht dumm.. ihr habt vollkommen recht. Es wäre töricht, in meinem Zustand alleine unter so viele Menschen zu gehen. Es ist immer ein unglaubliches Gerempel und Gedrängel auf dieser Art von öffentlichen Reden, da braucht es nur einen verirrten Ellenbogen, und..“, sie stockte, erschauderte, als sie sich die Folgen ausmalte.
Darren lächelte freundlich. Dieses Lächeln beruhigte sie auf seltsame Art und Weise, gab ihr das Gefühl, in Sicherheit zu sein.
Seine weiche Stimme tat den Rest, und mit den Worten „Keine Angst, diese Ellbogen müssten zuerst an mir vorbei.“ hatte er sie endgültig in seinen Bann gezogen. Sie lächelte und willigte schließlich ein.
„Ich warte vor der Tür, wenn ihr..“, sie räusperte sich, „wenn du dir etwas anderes anziehen möchtest.
Noch bevor sie ihren Satz beendet hatte, zog er sich das Hemd über den Kopf. Unter ihrem Blick, der ihre geteilten Gefühle widerspiegelte, wechselte er zügig das Hemd und ging aus der Tür, darauf wartend, dass sie ihm folgte.
Sie schüttelte halb grinsend, halb entrüstet den Kopf und ging ihm nach.
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Alt 02.04.2008, 12:19   #6
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Vier – Nächtliche Veränderungen

Der Mond über Di'Len spiegelte sich glitzernd in der Oberfläche des kristallklaren Sees, der verborgen in einer Waldlichtung lag, die nicht viele Marr kannten.
Doch nicht nur das Spiegelbild des Mondes und der Baumkronen war auf der ruhigen Oberfläche zu sehen, auch das von Daleen, die hier nachdenklich ihr Gesicht betrachtete, hier an jenem geheimen Platz, an dem sie sich mit Senn zu treffen pflegte.
Ohne sich dessen richtig gewahr zu werden streiften ihre Blicke gelegentlich ihr unverhülltes Antlitz, das auf dem dunklen Wasser seltsam hell aussah. Ihre Hand strich ungläubig über die Stelle, an der sie für einen kurzen Moment die Lippen ihres besten Freundes – ihres einzigen Freundes – gespürt hatte. Einige Stunden waren seither vergangen, doch noch immer brannte ein wohltuendes Feuer auf der Haut unter ihrem weißen Fell. Ihr Kopf war voll von Fragen, die sie ihm stellen wollte, voll von Antworten, die sie erwartete und fürchtete und voll von solchen, die sie sich wünschte, aber wohl nie bekommen würde.
Sie konnte immer noch nicht begreifen, was geschehen war. Zuerst hatte er zwei solch hübsche Frauen abgelehnt – für ein Treffen nur mit ihr. Er hatte sie getröstet, ihr klarmachen wollen, dass sie schön sei, so wie auch ihre Mutter es dauernd versuchte... Aber dies hier war anders. Seine Meinung war ehrlich, liebevoll. Und sie war ihr wichtig.

Ein leises Knacken hinter ihr ließ sie aufschrecken. Sie erkannte deutlich Senns Stimme, als er fluchte. Er war wohl auf einen Ast getreten.
Senn trat aus dem Schatten der Bäumeauf die Lichtung, in einer Hand trug er einen großen, handgeflochtenen Korb, der prall gefüllt zu sein schien. Unter dem anderen Arm klemmte eine kunstvoll gewebte Decke.
Der Marr lächelte schief.
„Dabei wollte ich mich doch an dich heranschleichen...“, seine Stimme klang ein wenig traurig, aber es schwang auch eine gute Prise Vorfreude mit. Er sah bewundernd in ihr Gesicht, dann kurz ihren Körper herunter. Daleen fühlte sich unter seinen Blicken seltsam wohl, obwohl es ihr unangenehm hätte sein müssen, so begutachtet zu werden.
Senn breitete vorsichtig die Decke aus, strich sie auf dem feuchten Gras glatt. Er hatte so einen Sitzplatz direkt am Ufer geschaffen, der vom Mond beschienen wurde und eine herrliche Sicht über den See bot, die ihn allerdings in diesem Moment herzlich wenig interessierte.
Der graufellige ließ sich auf diesem Teppich nieder und öffnete den Korb, verteilte langsam eine Menge feiner Köstlichkeiten auf dem Teppich.
Holzschälchen mit gerollten Fischstücken, die betörend dufteten, kleine Trinkschläuche, die vermutlich Wein enthielten, und einen Laib frischen Brotes, das noch warm war und eine herrlich knusprige Kruste aufwies.
Er bedeutete ihr, sich zu setzen, und sprach mit leiser Stimme.
„Ich hoffe, du hast Appetit und es schmeckt dir.“
Mit großen Augen betrachtete sie das Festmahl, das sich ihr darbot, und blickte ihn fragend an. Der verhältnismäßig kleine, zierliche Mund auf ihrer Schnauze formte ein erstauntes „O“.
„Du musst eine Menge Silber dafür ausgegeben haben.“, flüsterte sie leise, mit einer Spur Ehrfurcht vor der Mühe, die er sich gemacht hatte.
Er schüttelte lächelnd den Kopf.
„Ach Daleen. Ich brauche nicht viel zum Leben, meine Eltern finanzieren mich und geben mir eine Unterkunft. Du weißt, worauf ich spare, und da gehst du eindeutig vor.“
Sie lächelte gerührt. Schon seit ihrer Kindheit, die sie gemeinsam verbracht hatten, träumte er davon, eines Tages mit einem Schiff um die Welt zu segeln. Oft hatten sie davon gesprochen, gemeinsam loszuziehen und das Meer unsicher zu machen. Als Kinder hatten sie diese Vorstellung in ihr Spiel eingebunden, waren auf Ästen und Brettern herumgehüpft, die in ihrer Phantasie Planken und Segelmäste waren, von denen zu stürzen vermieden werden musste. Als Jugendliche hatten sie sich dann darauf beschränkt, sich eine solche Reise auszumalen und mit Worten zu beschreiben, und seit seinem ersten Arbeitstag hatte Senn noch niemals für irgendetwas Geld ausgegeben, das er nicht unbedingt brauchte. Er hatte an Essen gespart, an Kleidung, an allem, was irgendwie entbehrlich für ihn war und alles gespart für ein Schiff, das er irgendwann besitzen wollte... und jetzt verwendete er mindestens ein Wochengehalt darauf, ihr ein einziges Essen zu bieten? Noch nie in ihrem Leben war sie derart sprachlos gewesen.
Er hingegen schien dem mühsam verdienten Geld keineswegs hinterher zu trauern. Sein fröhliches Lächeln zeigte keine Spur von Reue oder Zweifeln.
Noch immer erstaunt und sprachlos setzte Daleen sich ihm gegenüber und traute sich kaum, die Speisen zu berühren.
Senn lächelte sie weiterhin an und griff nach einem Fischbällchen, das er in die Luft warf und mit dem Mund auffing, um es genussvoll zu kauen, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen.
Die Barriere um sie herum, die es ihr unmöglich machen wollte, dieses Geschenk anzunehmen, bröckelte langsam und brach endgültig, als er ihr zuzwinkerte. Sie lächelte und griff ihrerseits nach einem der Bällchen. Sie wollte es gerade zum Mund führen, da bedeutete er ihr, innezuhalten.
„Hey, wirf es!“
Kichernd winkte sie ab. „Ich kann das nicht!“
„Doch kannst du. Versuch es!“
Sie sah ihn zweifelnd an, was von ihm nur mit einem ermutigenden Nicken quittiert wurde. Mit einem nachgiebigen Seufzen warf sie den Happen in die Luft und drehte den Kopf nach oben, um es zu fangen.
Es stupste auf ihrer Nase auf und fiel von dort auf den Teppich. Nun gab es kein Halten mehr, sie lachte laut los und steckte ihren Freund damit an, der mit einem sanften, tiefen Kichern einfiel.
„Das wird schon noch, Daleen, du musst nur üben“, lachte er freudig und ergriff das Bällchen. Noch bevor sie protestieren konnte, gelang es ihm, sie auf wundersame Art und Weise dazu zu bringen, den Mund zu öffnen und das Bällchen sanft hineinzulegen. Dabei streifte ein Finger seiner Pfote ihre Unterlippe sacht. Vor Überraschung bleibt ihr Mund weit offen stehen, obwohl er seine Hand schon längst zurückgezogen hatte.
Schmunzelnd beobachtete er, wie das Bällchen ungeachtet auf ihrer Zunge liegenblieb, während sie ihn anstarrte.
„Kauen.“
Sie sah ihn verständnislos an und fragte nur „Hm?“
„Du musst kauen, dann schlucken“, neckte er sie frech.
Die Marr tat wie ihr geheißen und funkelte ihn gespielt frech an.
„Das weiß ich.“, meinte sie trotzig, woraufhin er leise lachte.
Plötzlich wurde er ernst und sprach erneut den vergangenen Mittag an. Der Happen blieb ihr fast im Halse stecken.
„Daleen, ich will, dass du weißt, dass ich das nicht aus Mitleid zu dir gesagt habe. Ich meine es so. Weil ich dich lieb..“, er räusperte sich gekünstelt, „..lieber um mich herum habe als irgendjemand anderen.“
Gerade so hatte er noch die Kurve gekriegt, ersetzte nun eine Äußerung, die sie unnötig schockiert hätte mit einer, die einfach nur schwachsinnig klang – seiner Meinung nach.
Daleens Augen füllten sich mit Tränen, als sie ihn reden hörte, fassungslos sah sie ihn an. Sie brauchte einige Versuche, den Bissen herunterzuschlucken, als sie es geschafft hat fehlten ihr die Worte.
Senn wurde klar, was er da gesagt hatte. Daraufhin senkte er seinen Blick und sah leicht zitternd auf die Decke, ehe er stotternd anfieng, zu sprechen.
„Ich.. hätte das nicht.. ich meine...“, er gab auf, fand einfach nicht die richtigen Worte.
Nach einigem Zögern legte Daleen sanft einen Finger auf seine Lippen, um ihn zum Schweigen zu bringen.
Mit zittriger Stimme redet sie nach langem Überlegen beruhigend auf ihn ein.
„Senn... ich habe keine Freunde außer dir. Mir hat noch nie jemand soetwas gesagt wie du heute mittag und ich...“, sie schluckt, „ich war einfach nur gerührt. Niemals hätte ich ansonsten diese Maske dauerhaft abgelegt.“
Senn sah sie überrascht an, bohrte seinen Blick tief in ihre Augen und vergaß vor Überwältigung fast das Atmen.
„Niemals... wirklich niemals könntest du etwas tun, was mich davon abhält, dir blind zu vertrauen, solange du es tust, um mir zu zeigen, dass du mich magst. Es gibt nichts, das erschüttern könnte, wie ich dich sehe und was ich für dich fühle. Du bist mein einziger Freund und das bleibst du. Für immer.“

Stille herrschte. Betretenes Schweigen, nur ein Austausch liebevoller Blicke. Schließlich stand er auf und sah sie mit feucht glitzernden Augen an.
Er sprach leise, krächzend, seine bedrückte Stimmung wurde aus seiner Stimme noch deutlicher als aus seinen hängenden Schultern und seinen Bemühungen, nicht zu weinen.
„Was ist, wenn ich das nicht sein will? Was ist, wenn mir das nicht mehr reicht, wenn ich mehr brauche? Was ist...“, er zögert lange, sie unterbricht ihn nicht. Noch leiser als zuvor fährt er fort: „Was ist, wenn mir beim Einschlafen wünsche, dich an mir zu spüren, wenn ich davon träume, dich zu lieben und dich glücklich zu machen, und wenn ich dann aufwache und am Liebsten sterben würde, weil es nur ein Traum war?“
Schwankend erhob der junge Marr sich, drohte umzufallen, hielt sich aber Wwcker auf seinen zitternden Beinen.
„Ich hoffe, es hat dir geschmeckt... Nimm ein wenig davon mit, ich will nicht, dass alles verdirbt.“
Mit diesen Worten und tränenüberschwemmtem Gesicht ließ er einfach alles, was er mitgebracht hatte, liegen, und ging unsicheren Schrittes davon.
Etwas in ihr wollte ihn aufhalten, ihm Dinge sagen, die sich schon so lange in ihr aufgestaut hatten. Aber sie ließ ihn gehen. Sie kannte die Gründe für ihr Handeln nicht, wusste nicht, warum sie ihn nicht einfach zurückziehen und festhalten konnte – aber es war ihr unmöglich, sich dazu zu überwinden.
So saß sie hier, erneut allein, aber diesmal ohne den tröstlichen Gedanken, ihn wiederzusehen. Der letzte Halt in ihrem Leben war zerbrochen. Niemand war mehr da, der sie stützte.

Darren lief Laira hinterher und bewunderte dabei die Architektur der Stadt. Eiserne Walmdächer mit goldbesetzten Dachfirsten glitzerten in demselben Mondlicht, das auch im weit entfernten See bei Di'Fisil auf dem Wasser sichtbar gewesen war – auf dem Wasser im See und auf der salzigen Flüssigkeit auf dem Gesicht des Marr mit dem grauen Fell.
Diese kunstvoll gefertigten und zweifelsohne teuren Dächer bildeten die Spitzen ebenso kunstvoller Häuser. Ornamente waren in die Steinmauern eingearbeitet, die Türen aus dickem Holz waren aufwändig geschnitzt.
Während der Schwarzhaarige nun also mit vor Erstaunen offenem Mund durch die Straßen wanderte, darauf bedacht, Laira nicht zuverlieren und sich somit ziemlich sicher zu verlaufen, nahm er all diese Eindrücke in sich auf und fühlte sich seltsam heimisch. Auf einmal wurde ihm klar, dass diese Stadt genau das Zuhause darstellte, nach dem er immer gesucht hatte.
„Darren... warum tust du das für mich?“
Darren sah Laira einen Moment verwirrt an. „Ich tue doch gar nichts.“
Sie betrachtete ihn mit einem mahnenden Blick. „Doch, natürlich tust du etwas. Du hast versprochen, Firell zu finden, du gehst mit mir zu dieser Rede und passt auf mich auf.. das muss doch einen Hintergrund haben.“
Eine Weile schwieg er, dann atmete er tief durch und antwortete ihr leise und beschämt.
„Laira... Ich fühle mich wohl hier. Seit ich dich getroffen habe. Ich habe so etwas wie ein Zuhause gefunden. Und ich kann nicht ertragen, dass er so ein Wunder versäumt.“
Nun war es an ihr, ihn verwirrt anzusehen. „Wie? Wer versäumt was?“, stammelte sie hilflos.
Darren seufzte.
„Firell. Er hat eine Frau wie dich gefunden. Hat mit ihr sogar ein Kind gezeugt. Er sollte ein glücklicher Mann sein, mit einer solchen Familie. Stattdessen läuft er weg und ist bei dem größten Wunder, das es gibt, nicht dabei. Bei der Geburt seines eigenen Kindes. Was für ein Mann muss er sein, um sich das entgehen zu lassen? Herzlos? Kalt? Wenn er das wäre, hättest du ihn gar nicht erst so weit kommen lassen. Aber es kam so weit. Was ist ihm widerfahren, sich so zu ändern?“
Hilflos schüttelte er den Kopf, ebenso hilflos wie sie nun aussah. Laira zuckte mit den Schultern.
„Wer weiß.. er hat sich verändert. Er kümmert sich nicht mehr um die Familie. Frag mich nicht, weshalb. Das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass er dafür seine Strafe bekommt.
Lass... lass uns nicht darüber reden. Es regt mich nur auf.“
Darren nickte hastig. „Wir wollen ja nicht, dass es dem Kind schadet.“, redete er ihr aufmunternd ein.
Sie nickte nur und ging wieder voraus. Er ließ sich absichtlich zurückfallen, um ein bisschen nachzudenken, nicht ahnend, dass sie ebenso intensiv nachdachte – über ähnliche Dinge, wenn nicht sogar die gleichen.
Irgendetwas faszinierte ihn an ihr und ihr selbst ging es nicht anders mit ihm.
Sie verbot sich streng, weiter darüber nachzudenken und ging im Kopf einige Dinge durch, die bereits erfahrene Mütter ihr geraten hatten. Schließlich würde das Kind bald geboren werden. Sie musste sich doch sicher sein, alles im Voraus genau zu planen. Sie hasste unvorhergesehene Situationen. Doch eine solche Situation lief wenige Schritte hinter ihr und war mehr als nur unvorhergesehen. Und das wusste sie, sie wollte es nur nicht wahrhaben.
Asandira ist offline  
Alt 10.04.2008, 23:57   #7
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öhm.... wow! also ich finds genial!
Wie gehts denn weiter?^^
Anasiss ist offline  
Alt 11.04.2008, 02:07   #8
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Zitat:
Zitat von Anasiss Beitrag anzeigen
öhm.... wow! also ich finds genial!
Wie gehts denn weiter?^^
Zuerst mal: Herzlichen Dank!
Hätte nicht gedacht, dass sich den ganzen Mist überhaupt jemand durchliest

Einen groben weiteren Verlauf hab' ich natürlich im Kopf, aber bis das ganze zu Papier gebracht ist... naja, ich werd's auf jeden Fall hier posten
Asandira ist offline  
Alt 13.04.2008, 18:53   #9
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Avatar von Weyna

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Naja das Wort "Mist" ist von dir zu Unrecht gesagt, da ich es genial finde
Schöne Story, wann gehts weiter?
Weyna ist offline  
Alt 13.04.2008, 19:01   #10
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Danke für die Blumen.
Und weil ihr so brav wart, hier ein neues Kapitel :p
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Sechs – Wiedergeburt

Schon seit Tagen schwebte er im Nichts.
Er wusste weder seinen Namen, noch, was war, bevor er in diesem roten Nebel aufgewacht war.
Aufgewacht... konnte man es so nennen? Er wusste es nicht. Er wusste nichts, rein gar nichts, außer der Tatsache, dass um ihn herum nur eine wirbelnde, tiefrote, aus stürmischen Strudeln bestehende Wolke war.
Zum wiederholten Mal sah er an sich herab. Unzählbar oft hatte dieser Blick nach unten sich in den letzten Stunden wiederholt. Oder waren es nur Minuten?
Zeit existierte nicht, wo er war. Nichts existierte dort.
Nur dieses wütende Rot und sein eigener, nackter Körper.
Es war sein eigener Körper, ja.. und doch schien er fremd und unnormal. Jeder einzelne Muskel auf seiner Brust und seinem Bauch, jede hervortretende Sehne in seinen Armen und Beinen und jede pochende Ader unter seiner rauhen Haut schien für ihn eine neue Erfahrung zu sein – nicht er selbst, nicht was er glaubte, zuvor gewesen zu sein, wo in seiner Erinnerung nur ein schwarzes Loch klaffte.

Um ihn herum flatterte sein tiefschwarzes Haar, peitschte in dicken Strähnen immer wieder gegen die Haut seiner Schultern, seiner Arme, seiner Brust.
Von diesem Haar – so seltsam es wohl klingen musste – wusste er genau, dass es nicht seines gewesen war, bevor er hier angekommen war. Dieses Haar war ein Fremdkörper, ein unwillkommenes Anhängsel – doch was an dieser Situation war schon willkommen?

Zum ersten Mal seit der ewig erscheinenden Zeit, die er hier war, veränderte sich etwas um ihn herum. Die konstanten Bewegungen des roten Schleiers wurden schneller und schneller, langsam änderte sich die Farbe, bis sich auf der von Schweiß glänzenden Haut des athletischen Mannes kein Rot mehr widerspiegelte, sondern ein tiefes Blau.
Die zuvor hellroten Wirbel dieser Umgebung rückten näher zusammen, formten schließlich eine abstrakte Perversion eines Gesichtes.
Die weißen, leeren Augen wurden aufgerissen, ein tiefes, widerhallendes Einatmen erklang.
„Mior“, raunte diese knurrende, unmenschliche Stimme, die sowohl ruhig als auch aggressiv, sowohl leise als auch durchdringend schien und gerade wegen dieser Widersprüche unfassbar in seinen Ohren erklang.
Sofort, als habe sich eine Tür in seinem Kopf geöffnet, wusste er, dass das sein eigener Name war.

„Wer seid Ihr?“, wollte er rufen, „Was habt ihr mit mir gemacht?“
Doch mehr als Gedanken sollten diese Worte nie werden – keinen Laut brachte er hervor, wie er sich auch sonst nicht bewegen konnte.
Seine Gliedmaßen schwebten frei, doch waren sie auch von unsichtbaren Fesseln gefangen, er konnte sich kein wenig bewegen.

„Dein Werk ist noch nicht vollendet, Mior. Bei weitem nicht. Dein Tod war tragisch, zweifellos, wenn auch selbst verschuldet. Du wirst es ein weiteres Mal versuchen. Du wirst nun von mir zurückgeschickt werden, auch wenn du ein anderer wirst.
Du, Mior, wirst Vergeltung üben für deinen Tod – und dann wirst du fortführen, was du begonnen hast.“

Wie ein Ertrinkender, der gerade rechtzeitig an Land gezogen wurde, japste Mior nach Luft – der erste Atemzug seit dem Erwachen in dieser rotwirbelnden Hölle.
„W-wer... warum...“, begann er keuchend, dann brach er in ein heiseres, schweres Husten aus.

„Genug!“, befahl die Stimme, das Gesicht schien zornig, als der Schleier sich kurz wieder rot färbte.
Gleichzeitig mit dem Entspannen der Gesichtszüge, das folgen sollte, nahm die Wolke wieder ihre blaue Farbe an, die Stimme sprach ruhig weiter, jetzt da Mior verstummt war.

„Silon te“, erklang es. „Silon te, giron ni fas.“
Ein brennender, stechender Schmerz überfiel seinen ganzen Körper mit einem Mal, laut keuchend beobachtete er, wie schwarze Runen sich auf seiner Haut einbrannten.
Zwei geschwungene Striche begannen unter seinen Brustwarzen und zogen sich die gesamten Seiten bis zur Hüfte hinab, sein Steißbein, das er im Moment noch nicht sehen konnte, war von gezwirbelten Linien geziert, seine muskulösen Schenkel wurden umschlungen vom schwarzen Abbild eines Strickes, der sich an beiden Fußgelenken zu jeweils einer Schlinge formte.

Der Schmerz wurde intensiver, das Brennen gar infernalisch, dann wurde alles dunkel.




Schwer atmend schrak der nackte Mann aus einem tiefen Schlaf auf, krallte sich in den Waldboden unter sich.
Er sah sich kurz um, richtete sich auf und betrachtete seinen Körper.
Die schwarzen Striche sahen aus wie Tinte, doch nach einigem Reiben und Schrubben mit zitternden Händen bemerkte er, dass sich diese Male nicht abwaschen ließen.

Was war mit ihm geschehen? Welche Art Mensch war er gewesen, bevor er dort so gezeichnet worden war? Weshalb hatte diese furchteinflößende Scheme von seinem Tod gesprochen? Er war nicht tot, verflucht, er lebte, das sagte ihm allein schon der Schmerz, der der eigenartigen Körperbemalung innewohnte.
Was war die Bestimmung, von der dieses Etwas gesprochen hatte? Was sollte er hier tun?

Viele Fragen, keine Antworten. Keine Erinnerungen. Keine Kleidung, kein Zuhause und kein Proviant.
Nur sein eigener Körper auf irgendeiner Waldlichtung. Das war alles, was er hatte.

Er richtete sich auf und ging prüfend ein paar Schritte – das Laufen hatte er also nicht verlernt.
Als er sich weiter fortbewegte, spürte er, dass er nicht so nackt war, wie angenommen. Erst jetzt bemerkte er die Kette, die ihm um den Hals hing und deren Anhänger schwer gegen seine Brust schlug.
Seine zittrigen, unruhigen Finger schlossen sich um den Kristall, in dessen Inneren die gleiche rote Bösartigkeit tobte wie an jenem Ort.
Ein einmaliges, kurzes Summen, begleitet von einer intensiven Vibration, dann verfärbte es sich ebenso blau wie der entstellte Himmel in seinem ehemaligen Gefängnis.
Ein kleineres Abbild des Gesichtes erschien und sprach – nur in seinem Kopf, aber doch existent.

„Hör zu, ich werde es nur einmal sagen, Mior. Du wirst nach Süden gehen, bis du zu einem Dorf kommst. Dort kleidest du dich ein und suchst Unterkunft. Denk dir irgendetwas aus, du warst früher schon gut darin, Lügen zu erzählen.
Morgen wirst du mehr erfahren.“

„Ich habe genug von deinem „Du wirst“! Wer bist du?“, knurrte Mior in einer bedrohlichen Stimmlage, die dem Antlitz im Anhänger nur ein belustigtes Kichern entlockte.
„Es ist mein Ernst! Wer soll mich zwingen, deinen Befehlen Folge zu leisten? Wer oder was bist du, dass du denkst, mich befehligen zu können und mit welchen Mitteln willst du mich dazu zwingen?“

In diesem Moment wurde jede Faser seines Körpers von einem gewaltigen, unnachgiebigen Schmerz durchzuckt.
Der vergleichsweise große Mann sackte auf die Knie, dann vornüber auf den Boden, wo er sich schreiend unter nahezu tödlichen Qualen wand.
Direkt vor ihm kam der Anhänger zum Liegen, das entstellte Gesicht nahm einen befriedigten, erregten Ausdruck an, während die Schmerzen Mior seine Kraft entzogen.
Nach schier endloser Zeit hörte die Folter ebenso abrupt auf, wie sie begonnen hatte.

„Mit diesen Mitteln“, hauchte die Stimme beinahe zärtlich, dann erklang wieder dieses abgrundtief hässliche, schadenfrohe Kichern.
„Jetzt geh.“

Bevor er antworten konnte verschwand das Gesicht und in seinem Kopf herrschte plötzlich eine gähnende Leere, nun da die Stimme ihn nicht mehr ausfüllte.
Zähneknirschend erhob er sich und ging langsam Richtung Süden. Mit jedem Schritt wurde ihm mehr klar, dass irgendetwas nicht stimmte... er lauschte dem Rauschen des Windes in den Baumwipfeln, dem Rascheln, das ab und an erklang, wenn ein Tier sich bewegte – und sonst nichts.
Keine Schritte, stellte er verdutzt fest. Er bewegte sich vollkommen gewöhnlich vorwärts, kein langsames Gehen, kein Schleichen.
Viel Laub lag auf dem Waldboden, aber nichts davon raschelte, als er es betrat.
Vollkommen lautlos waren die Bewegungen des Menschen, wie ein Schatten huschte er über den Boden.

Unwillkürlich musste Mior grinsen. Eine nützliche Begebenheit, zweifellos. Genau das Richtige, um... um was? Der Gedanke, der sich gerade bilden wollte, in solch greifbarer Nähe war – weg. Verschwunden.
Fast hätte er seine Hand um die Erinnerung an sein früheres Leben schließen können, doch als hätte er sich daran verbrannt, entfernten seine Finger sich wieder davon, weiter und weiter, ohne dass er sie wieder näher heranbewegen könnte.

Er stieß einen leisen Fluch aus und ging dann weiter in die Richtung, die das Medaillon ihm gewiesen hatte. Er musste wohl oder übel in diesem Spiel mitspielen, zumindest, bis er wusste, wer er war.
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